
Rezension vom 26.11.01, LZ Dortmund
Auditive Reise durch Berlin, gesteppt unter Drachen
Ensemble" Tap it deep" gastierte im Art Kite Museum
Detmold (sz). Zunächst erinnert der Sound ein wenig an eine Filmtonspur, der man das Bild entzogen und durch einen Tänzer ersetzt hat, der die Musik und Geräusche unmittelbar in Bewegungen umsetzt und durch seine Bewegungen wiederum Klänge erzeugt. Diese eigentümliche Art Zusammenspiel von Klang und Bewegung brachte das Ensemble "Tap it deep" am Samstagabend auf die Bühne des Art Kite Museums.
Gleich einer von Klangfäden gezogenen Marionette agierte Stepptänzer Sebastian Weber, machte Musik sichtbar und gleichzeitig auch seine Bewegungen hörbar: Durch die mit selbst entwickelter MIDI-Technik präparierten Steppschuhe rief er zusätzlich zum traditionellen Geklapper verschiedene gesampelte Sounds ab.
Zusammen mit den vom Ensemble live gespielten Kompositionen - ein wenig Klassik, Groove, Beat, Jazz und Folklore - kamen Tonbandaufnahmen einer Berlinreise zum Einsatz: Hektischer Großstadtlärm, multikulturelle Sprachfetzen, Chorgesänge aus dem Dom, Spiele mit Telefontönen sind "Musikalische Polaroids, Audio-Ansichtskarten", die durch Zooming in klanglich interessante Situationen in Form der Samples dem Tänzer Sebastian Weber "in die Schuhe geschoben" werden, erläuterte Leiterin Barbara Buchholz, verantwortlich für E-Bass, Therernin und Samples. Lauter gewohnte Geräusche und Klänge, vertraut und verfremdet zugleich durch die experimentelle Mischung und Zusammensetzung.
In Zwiegesprächen der skurrilen Bewegungssprache des Tänzers mit den Klängen von E-Bass (Jan Krause), Piano (Stephan König), Posaune (Matthias Muche) und Schlagzeug (Ralf Schneider) entstanden Atmosphären und Klangkaskaden, die den Zuschauer und -hörer aufhorchen ließen, weil das Erwartete eben nicht eintrat, sondern das Unerwartete.
Musikalischer und tänzerischer Ausdruck, verwoben in einer Kreisbeweung, sich gegenseitig inspirierend, aufnehmend, weiterführend: ein Dialog, eine Collage aus Tönen, ein Bild zum Hören, ein Klangbild eben.
Irgendwo an der Grenze zwischen Musik, Geräusch, Bewegung und etwas, das sich mit Worten nicht so einfach beschreiben lässt. Den innovativen Sound für Auge und Ohr muss man erlebt haben "
Rezension vom 19.02.02, Stuttgarter Zeitung
"Raus mit dem Zaster, sonst gibt's 'n Desaster". Der Mann hört sich nicht so an, als ob er scherzen wollte. Genausowenig wie die Meute, die seine Worte nachskandiert. Ein konzertierter Banküberfall? Keineswegs, nur ein Ausschnitt aus der Stepptanzperformance "Tap It Deep", die kürzlich im Treffpunkt Rotebühlplatz zu sehen war. Ein Projekt, mit dem das Ensemble rund um die Bielefelder Bassistin Barbara Buchholz und den Kölner Stepptänzer Sebastian Weber nun nach zwei Jahren Pause wieder gemeinsam auf Tour ist. Natürlich mit neuem Programm.
Die Produktion "Dear P.H." baut ganz auf erlebte Geschichten und Geräusche. Dafür ist Buchholz extra mit einem Aufnahmegerät durch Berlin gezogen, um durch Zoomen vor allem die Hinterhofatmosphäre der deutschen Hauptstadt einzufangen. Ein akustischer Streifzug, auf dem vielerlei "Audio-Ansichtskarten" für "Tap It Deep" entstanden sind. Samples, die dann nicht nur in die Musik mit eingearbeitet, sondern auch frech Sebastian Weber in die Steppschuhe geschoben wurden. Oder besser unter dieselben. So bekam der 29-Jährige elektronische Tonabnehmer unter die klackernden Sohlen und einen Steuerungsgürtel mit Sendern um die Hüften, mit denen er mittels MIDI-Technik und seier Füße Töne des hektischen Großstadtlärms abrufen konnte. Was er denn auch mit ausdrucksstarker, teils pantomimisch skurriler Körpersprache tat. Auf Scuffs, Slaps, Sugar-Steps, Flaps oder Taps folgten mal Straßengequietsche oder multikulturelle Sprachfetzen, mal kindliche Flötentöne, Chorgesänge, U-Bahn-Gedröhne oder Tonwahl-Geblippe. Ein sichtbar gewordenen Klangteppich, der zusammen mit der basslastigen Komposition von Stephan König zu einem mitreißenden Klanguniversum aus Klackern, Berliner Sounds, Jazz, Funk, Rock, Blues und lateinamerikanischen Rhythmen geriet.
Was aber nicht allein Webers beeindruckender Performance, seinen Sprüngen, den schlangenartigen Hüftschwüngen oder schrägen Drehungen zu verdanken ist, sondern auch den hervorragend jazzenden Musikern. So hätten Stephan König am Piano, Jan Krause am E-Bass, Matthias Muche an der Posaune und Barbara Buchholz an Bass und Theremin als kleine Big-Band durchgehen können. Eine Performance, die zeigte, wie wunderbar fließend die Grenzen zwischen Tanz und Instrumentalspiel sein können.
mos
Technische Anforderungen: Flügel, Ton, Konzert-Atmosphäre
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